Beitrag in der Berner Zeitung vom 13.01.2021von Jacqueline Graber

"Nachfolge Velogeschäft Rüegsauschachen

Nun tritt Stalder in die Pedale

Christine und Hermann Gerber übergaben ihr Fahrradgeschäft an Michael Stalder. Er führt es unter neuem Namen weiter. Auch will er das Sortiment an Rennvelos ausbauen.

«Er trug immer einen schwarzen Mantel, im Winter wie im Sommer», beschreibt Christine Gerber einen Vertreter, der früher jeweils bei ihnen vorbeischaute. In seinem Lieferwagen hatte er Bremskabel, Dynamos und viele andere Ersatzteile, die für die Reparaturen von Fahrrädern nötig waren. Gemeinsam mit ihrem Mann Hermann führte Christine Gerber 44 Jahre ein Velo- und Töffgeschäft in Rüegsauschachen.

Während dieser Zeit sind sie dreimal gezügelt, jeweils im Radius von wenigen Metern. Der letzte Umzug liegt nur einige Monate zurück und hat einen familiären Hintergrund. «Unser Sohn Kevin hat sich entschieden, weiterzufahren, aber nur mit den Motorrädern», erklärt Hermann Gerber. Also fällte auch das Ehepaar einen Entscheid, nämlich, mit den Mountainbikes und Elektrovelos in neue Räumlichkeiten zu zügeln. Die beiden Geschäftsräume liegen einen Steinwurf voneinander entfernt.


«Hätten wir keinen Nachfolger gefunden, hätten wir einfach weitergemacht.» Hermann Gerber


«Wir wurden oft gefragt, wieso wir das in unserem Alter noch machten», erklärt Hermann Gerber, der im letzten Jahr das Pensionsalter erreichte. Es sei wegen der Kunden, damit sie weiterhin ihre Fahrräder bringen könnten, sagt er und schiebt nach: «Hätten wir keinen Nachfolger gefunden, hätten wir einfach weitergemacht.» Doch ein Nachfolger hat sich gefunden: Seit Anfang Jahr führt Michael Stalder das 2-Rad-Center Gerber unter dem Namen Veloschmitte, übernommen hat er auch die beiden Mitarbeiter. Michael Stalder ist gelernter Automechaniker. Er arbeitete bis anhin als Berufsunteroffizier und zuletzt als Systemmanager bei der Logistikbasis der Armee.

200 Franken Startkapital

Als sich Hermann Gerber vor über 40 Jahren für die Selbstständigkeit entschied, war er gerade mal 21 Jahre alt. Das war 1976. «Mein Vater gab mir 200 Franken Startkapital.» Gerber erzählt, wie er in der Region an Haustüren klingelte und nachfragte, ob die Bewohner alte Fahrräder zum Flicken hätten. Auch kaufte er ihnen alte Velos ab und brachte diese auf Vordermann.


Bald einmal kamen Töff dazu, schliesslich hatte er als Motorrad- und Velomechaniker gelernt, auch diese zu reparieren. «Damals beinhaltete die vierjährige Lehre beides, heute sind es zwei verschiedene Ausbildungen», erklärt er. Von seinem Wohnort Rüegsauschachen zum Lehrbetrieb nach Schafhausen fuhr er zuerst mit einem alten Militärvelo, danach kaufte er sich ein Rennrad der Marke Tigra. «Mein Lehrmeister konnte nicht verstehen, wieso ich immer mit dem Rad zur Arbeit kam, obwohl ich auch einen Töff besass.»


Werkstatt und Werbeatelier

Von Beginn an im Geschäft mitgeholfen hat Christine Gerber. Sie holte nicht nur Zweiräder bei den Kunden ab und brachte sie zurück, sie half auch in der Werkstatt. Pneus, Bremskabel und Ketten wechseln, kein Problem für die zierliche Frau. Doch dabei handelte es sich um Sommerarbeit, im Winter, wenn es im Geschäft weniger zu tun gab, arbeitete sie in einem Werbeatelier. «So kam Geld rein, denn wir mussten knapp durch», sagt sie und erzählt von ihrem damaligen Buchhalter: «Als er den Jahresabschluss sah, machte er Hermann das Angebot, im Winter als Abwart zu arbeiten.» Doch er habe dankend abgelehnt, sagt ihr Mann und schmunzelt.

Damals, also in den 1970er-Jahren, war das Fahrradfahren noch kein Freizeitvergnügen, man brauchte das Gefährt vorwiegend für den Weg zur Arbeit, zur Schule und zum Einkaufen. Dennoch gründeten Christine und Hermann Gerber zwei Velogruppen – je eine für Frauen und eine für Männer. Diese bestehen heute noch, wöchentlich wird ausgefahren. Seit Jahren gehört auch Michael Stalder dazu. So hat er erfahren, dass das Ehepaar einen Nachfolger sucht. «Ich ging schon als Schuljunge mit meinem Fahrrad zu Gerbers», sagt Stalder, der in Rüegsauschachen aufgewachsen ist und heute mit seiner Familie in Alchenstorf wohnt.


Ein «Gümmeler»

Michael Stalder fährt Mountainbike, ist aber auch ein begeisterter Gümmeler, sprich Rennvelofahrer. Deswegen will er neben Mountain- und E-Bikes auch Rennvelos im Sortiment führen. «Vermehrt wird wieder Rennvelo gefahren. Denn die Pneus sind längst nicht mehr nur schmal wie früher.» Man müsse also nicht mehr zwingend auf geteerten Strassen bleiben, erklärt Stalder.

In Sachen Pneus habe sich in den letzten Jahren viel getan, weiss Hermann Gerber. «Früher hing unter dem Velosattel ein Etui, gefüllt mit Flickzeug.» Heutige Pneus hätten wegen ihrer Dicke kaum mehr einen Platten. Und wer auf Nummer sicher gehen wolle, habe die Möglichkeit, den Pneu mit einer Flüssigkeit füllen zu lassen.

«Sollte ein Nagel oder ein spitzer Stein eingefahren werden, der beim Herausreissen ein Loch

hinterlässt, dichtet die Flüssigkeit das Loch ab», erklärt Hermann Gerber, der jedoch als grösste Veränderung in den letzten Jahren nicht die Pneus oder die Schaltung nennt, sondern den Wechsel von der Klotz- und Felgenbremse zur Scheibenbremse. Wurde früher der Bremsbelag direkt auf die Felge gedrückt, wird heute das Rad über eine Scheibe gebremst. Und auch die E-Bikes veränderten die Arbeit des Velomechanikers. «Heute sind auch Elektronikkenntnisse gefordert», sagt Michael Stalder.


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